Notfallmedizin und Innovation – Wie prähospitale Forschung das Rettungswesen verändern kann
Es ist Mittwoch, 11.30 Uhr, ein sonniger Tag, als plötzlich auf den Handys der Mitarbeiter*innen der Berufsrettung Wien ein "Lebensretter-Alarm" schrillt. Die im Dienst befindlichen Kolleg*innen erkennen sehr rasch, dass eine Person unmittelbar vor der Rettungsstation zusammengebrochen ist und nicht mehr atmet. Um keine Zeit zu verlieren, erfolgt die Annahme des Lebensretter-Alarms und eine Teameinteilung am Weg zum Patienten. Da auf der Strecke auch noch ein frei zugänglicher Automatisierter Externer Defibrillator (AED) verfügbar war, wurde dieser ebenfalls mit zum Patienten genommen. Beim Patienten angekommen ist bereits ein weiterer Kollege mit Defibrillator vor Ort, der das Geschehen beobachtete. Unter Zusammenarbeit aller Ersthelfer*innen und den kurz danach eingetroffenen Teams des Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeuges sowie dem diensthabenden Oberarzt erlangte der Patient innerhalb kürzester Zeit wieder Kreislauf und Bewusstsein. Der Patient konnte nach kurzer intensivmedizinischer Betreuung auf die Normalstation verlegt werden und bald wieder das Krankenhaus verlassen. Eine perfekt funktionierende Rettungskette und frühzeitige Erste Hilfe retten Leben. Jeder Mensch ist in der Lage durch frühzeitiges Reagieren und Handeln Gutes zu tun.
Leben retten ist Teamwork
Die dargestellte Episode ist in Wien keine Seltenheit: Circa 1.500-mal pro Jahr, das sind etwa 4-mal pro Tag, rückt die Berufsrettung Wien zu einer kardiopulmonalen Reanimation aus. Diese verläuft immer gleich professionell: Die Reanimation folgt einem klaren Algorithmus, den alle Key Player in der "chain of survival" in- und auswendig beherrschen. Dahinter steckt jedoch ein massiver Aufwand, nicht nur ressourcentechnisch, sondern auch wissenschaftlich.
Alle aufgezählten diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen, die heute „standard of care“ sind und die Chancen, einen Herz-Kreislauf-Stillstand zu überleben, verbessern, waren einmal experimentell und Teil einer Studie. Machbarkeit, Kosten-Nutzen-Rechnung, Effekte, und Implementierung wollen getestet, validiert, und auch publiziert werden. Dies ist oftmals ein langer Prozess. Die Planung und Umsetzung von Studien umfasst nicht nur die Finanzierung, die Auswertung der gesammelten Daten und die Zusammenstellung der Ergebnisse in einem Manuskript. Auch dessen Einreichung bei einem internationalen medizinischen Fachjournal, das Durchlaufen des sogenannten "peer review"-Prozesses (Begutachtung durch anerkannte Fachexpert*innen), und schließlich die Publikation für die Fachwelt und breite Öffentlichkeit müssen berücksichtigt werden und können den Gesamtzeitraum stark verlängern. Diese Prozesse kennt man beispielsweise aus der Medikamentenforschung durch finanzstarke Pharmakonzerne – in der prähospitalen notfallmedizinischen Forschung herrschen jedoch andere Voraussetzungen. Eine Knappheit an verfügbaren Ressourcen, fehlende Wissenschaftsförderungsmöglichkeiten, und nicht zuletzt die fordernden Umstände der Studiendurchführung (beispielsweise in Wohnungen, im Freien, oder im Rettungstransportwagen) stellen Wissenschaftler*innen in diesem Bereich oft vor große Hürden. Enthusiasmus und persönliches Engagement weit über den „Dienst nach Vorschrift“ hinaus sind oft maßgeblich dafür verantwortlich, neue Konzepte zu entwickeln, diese zu testen, und dann auch "auf die Straße" zu bringen.
Bei der Berufsrettung Wien wird dies in einem perfekt ineinandergreifenden System vereint: Die verschiedenen verfügbaren Einheiten zusammen mit einem Wissenschaftsteam machen es möglich, dass prähospitale Forschung auf international einzigartigem Niveau durchgeführt werden kann.
Leitlinien und Guidelines
Die so gewonnenen Informationen werden aber nicht sofort 1:1 bei Patient*innen umgesetzt – zuvor müssen Konzepte extern validiert werden. Die aus mehreren Quellen verfügbaren Informationen werden folglich durch ehrenamtliche übernationale Organisationen wie ILCOR (International Liaison Committee on Resuscitation) zusammengetragen und gemeinsam bewertet. Es werden sogenannte "Reviews" angefertigt. Aus diesen Reviews wird jährlich eine Zusammenstellung aktueller Empfehlungen gefertigt, aus denen wiederum in mehrjährigem Abstand Leitlinien und Guidelines zur Reanimation formuliert werden – von regionalen Organisationen wie in Europa dem Europäischen Rat für Wiederbelebung (ERC). Die Berufsrettung Wien ist auch daran beteiligt, sowohl auf internationalem als auch auf europäischem Level. Die Guidelines des ERC ermöglichen ein standardisiertes Vorgehen, wie auch bei der zuvor erzählten Episode mit dem Patienten mit Herzinfarkt.
Survivorship
Der Patient hat den Krankenhausaufenthalt überlebt. Er geht auf Reha, arbeitet mit mehr Sport und einem Rauchstopp an seiner kardiovaskulären Gesundheit und nimmt wieder aktiv am Alltag teil. Diese Tage werden er und seine Familie trotzdem nie vergessen.
"Survivorship" wird dies in der Fachwelt genannt, und für Partner*innen "Co-Survivorship" – ein Weg nach dem Überleben, der nie zu Ende ist. Die Einbindung von Überlebenden in die Erstellung der nächsten Auflage der Guidelines ist ein Schritt, der diesem Aspekt zwar Rechnung trägt, aber noch längst nicht genug ist. Anlaufstellen für Überlebende und vielleicht auch deren Familien oder spezielle Reha-Programme liegen noch in der Zukunft.
Angenommen, der Mann, der überlebt hat, hat eine Tochter, die über diese Episode erzählt bekommt und dadurch die Wichtigkeit der medizinischen Forschung erkennt. Möglicherweise wird sie Politikerin und setzt sich für Reanimationsunterricht in der Schule ein. Oder sie wird Sanitäterin und Studienmitarbeiterin – immer mit dem Ziel, noch ein Prozent mehr an Überleben herauszuholen, noch ein Leben mehr zu retten, noch einen Vater wieder nachhause zurückkehren zu lassen. Das wäre ein Happy End, das diesen Namen wirklich verdient hat.