Berufsrettung Wien als Datenmotor: Zwei neue Studien zeigen unterschiedliche Auswirkungen von Hitze auf körperliche und seelische Notfälle

 

Während Hitzewellen die allgemeine Zahl der Rettungseinsätze in Wien deutlich erhöhen, zeigt eine zweite, von der Berufsrettung Wien geleitete Studie: Bei psychiatrischen Notfällen lässt sich kein eigenständiger Hitze-Effekt nachweisen – entscheidend scheinen hier Jahreszeit und Tageslicht zu sein.

Die Berufsrettung Wien ist nicht nur Taktgeber hinsichtlich Professionalität und Innovation in der österreichischen und europäischen Rettungsmedizin, sondern auch selbst aktiv in der wissenschaftlichen Auswertung der eigenen Einsatzdaten. Das zeigen zwei aktuelle, voneinander unabhängige Studien, die in den vergangenen Wochen erschienen sind und auf Daten der Berufsrettung Wien basieren.

Studie 1: Hitzewellen erhöhen körperliche Notfälle deutlich und der Effekt steigt mit der Temperatur weiter an


936.461 Rettungseinsätze der Jahre 2018 bis 2021 wurden in Zusammenarbeit der Medizinischen Universität Wien und der Berufsrettung Wien analysiert.

Die Untersuchung zeigte: Ab einer Mindesttemperatur von 20,5°C an mindestens zwei aufeinanderfolgenden Tagen – dem Punkt, an dem der Effekt erstmals statistisch sicher nachweisbar wird – stiegen die täglichen Rettungseinsätze um rund 8 bis 9 Prozent. Mit steigender Temperatur nahm dieser Effekt weiter zu: Bei einer Mindesttemperatur von 21,5°C lag der Anstieg bereits bei über 13 Prozent, wenn auch solche intensiveren Hitzewellen seltener auftraten. Besonders betroffen waren Kinder, ältere Menschen sowie Patient*innen mit Atemwegserkrankungen. Auch zeigte sich: Die jeweils erste Hitzewelle einer Saison belastete den Rettungsdienst am stärksten.

"Unsere Einsatzdaten zeigen sehr klar, dass jeder Grad mehr zählt – der Anstieg beginnt nicht erst bei extremen 35°C, sondern bereits deutlich früher, und er nimmt mit jedem weiteren Hitzetag zu", sagt Dr. Mario Krammel, Chefarzt der Berufsrettung Wien.

Studie Hitzewellen: 
Zeiner S, Rietzinger S, Ledebur K, Dobler M, Aigner P, Schnaubelt S, Krammel M, Laxar D, Mueller J, Maleczek M, Kimberger O, Klimek P. Effects of heatwaves on emergency medical service activity in Vienna: a 4-year analysis. Scientific Reports (2026). https://doi.org/10.1038/s41598-026-55670-y

Studie 2: Psychiatrische Notfälle reagieren anders auf Wetter


Eine zweite aktuelle Studie der Berufsrettung Wien und der Medizinischen Universität Wien untersuchte alle 170.490 Rettungseinsätze wegen vermuteter psychiatrischer Notfälle in Wien zwischen 2018 und 2023 – in Zusammenhang mit der gefühlten Außentemperatur ("Apparent Temperature", basierend auf Temperatur, Windgeschwindigkeit und Luftfeuchtigkeit).

Das Ergebnis ist differenzierter als bei rein körperlichen Notfällen: In der einfachen Auswertung war hohe gefühlte Temperatur noch mit einem Anstieg psychiatrischer Einsätze um 4 Prozent verbunden. Sobald jedoch die Tageslichtdauer statistisch berücksichtigt wurde, verschwand dieser Zusammenhang – er war nicht mehr statistisch signifikant. Robust und in allen Modellen bestätigt blieb dagegen: An kalten und schneereichen Tagen gab es deutlich weniger psychiatrische Einsätze, an Schneetagen bis zu 12 Prozent weniger.

"Es ist ein wichtiger Unterschied: Während Hitzewellen eindeutig mehr rein körperliche Notfälle auslösen, dürfte der scheinbare Effekt bei psychiatrischen Einsätzen eher mit Jahreszeit und Tageslicht zusammenhängen als mit der akuten Temperatur selbst. Das hilft uns, Präventionsmaßnahmen künftig zielgerichteter zu adressieren", sagt Priv.-Doz. DDr. Sebastian Schnaubelt-Merrelaar, stellvertretender Chefarzt und Leiter des Departments Prähospitale Forschung der Berufsrettung Wien.

Studie Psychiatrische Notfälle: 
Krammel M, Schnaubelt S, Herkner H, Kienbacher CL. Outside temperatures are associated with ambulance calls due to psychiatric emergencies. A retrospective chart survey. Mental Health & Prevention 42 (2026) 200510. https://doi.org/10.1016/j.mhp.2026.200510 
 

Zwei Studien, ein differenziertes Bild


In der Zusammenschau zeigen beide Arbeiten, wie systematisch die Berufsrettung Wien ihre Einsatzdaten heute wissenschaftlich nutzt, und wie wichtig es ist, zwischen verschiedenen Arten von Notfällen zu unterscheiden: Körperliche Notfälle reagieren klar und robust auf Hitzewellen, und der Effekt nimmt mit steigender Temperatur weiter zu. Psychiatrische Notfälle hängen dagegen offenbar stärker mit Jahreszeit und Tageslicht zusammen als mit der akuten Außentemperatur. Diese Differenzierung ist für die Einsatzplanung von Bedeutung: Sie legt nahe, dass Vorbereitungsmaßnahmen für Hitzeperioden vor allem auf klassische Risikogruppen (Kinder, ältere Menschen, Atemwegspatient*innen) ausgerichtet werden sollten, während die Versorgung psychiatrischer Notfälle eher saisonal mitgedacht werden muss. Weiters zeigen diese Analysen einmal mehr, dass die Arbeit mit eigenen, lokal erhobenen Daten wieder direkt der Patient*innenversorgung zu Gute kommt. 

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