Nicht jeder Notfall braucht Notärzt*innen – die passende Expertise zum passenden Zeitpunkt
Blaulicht, Folgetonhorn, wenige Minuten bis zum Einsatzort. Vor Ort erwartet das Team eine ältere Patientin nach einem Sturz. Sie ist wach, ansprechbar und kreislaufstabil. Was sie jetzt braucht, ist eine rasche Schmerztherapie, eine strukturierte Versorgung und den sicheren Transport in das passende Zielkrankenhaus.
Für viele Notfallsanitäter*innen gehören solche Einsätze längst zum Alltag. Dank moderner Ausbildung, klar definierter Behandlungspfade und kontinuierlicher Fortbildung verfügen sie heute über Kompetenzen, die vor wenigen Jahren noch ausschließlich Notärzt*innen vorbehalten waren. Dennoch wird in Österreich bei vielen vergleichbaren Einsätzen weiterhin routinemäßig ein*e Notärzt*in mitalarmiert.
Eine aktuelle österreichweite Studie liefert nun neue wissenschaftliche Grundlagen für diese Diskussion. Im Rahmen der Untersuchung wurden mehr als 2.000 Notärzt*innen-Einsätze analysiert. Das Ergebnis: Rund 56 Prozent der Einsätze hätten potenziell von entsprechend qualifizierten Notfallsanitäter*innen eigenständig versorgt werden können – ohne Einbußen bei der Patient*innensicherheit. Entscheidend sind dabei eine hochwertige Ausbildung, klar geregelte Kompetenzen und ein entsprechender organisatorischer Rahmen.
Die vollständige Studie ist auf der Website des BVRD verfügbar.
Zur Studie: Gut ausgebildete Notfallsanitäter*innen könnten mehr als die Hälfte der Notarzteinsätze übernehmen
Diese Erkenntnisse stellen das österreichische Notärzt*innen-System nicht infrage. Vielmehr unterstreichen sie, wie wichtig es ist, hochqualifizierte ärztliche Ressourcen dort einzusetzen, wo sie den größten medizinischen Nutzen bringen.
Die richtige Kompetenz für jede*n Patient*in
Die Rettungsmedizin entwickelt sich kontinuierlich weiter. Gleichzeitig steigen die Einsatzzahlen, während personelle Ressourcen zunehmend begrenzt sind. Umso wichtiger wird die Frage, welche Qualifikation bei welchem Einsatz tatsächlich erforderlich ist.
Internationale Rettungssysteme setzen seit Jahren erfolgreich auf erweiterte Kompetenzen ihrer Paramedics. Auch in Österreich wird diese Entwicklung zunehmend wissenschaftlich begleitet; die Ergebnisse der besagten Studie liefern dafür eine wichtige Grundlage und unterstützen die laufende Diskussion über eine Weiterentwicklung der Ausbildung und des Kompetenzrahmens.
Kompetenzen entstehen nicht durch Gesetze allein
Erweiterte Kompetenzen bedeuten weit mehr als zusätzliche Maßnahmen durchführen zu dürfen. Sie setzen strukturierte Ausbildung, regelmäßiges Training und konsequente Qualitätssicherung voraus.
Die Berufsrettung Wien verfolgt diesen Weg seit vielen Jahren: Neue Kompetenzen werden gemeinsam mit der Rettungsakademie entwickelt, umfassend geschult und durch evidenzbasierte Standard Operating Procedures (SOPs) geregelt. Diese definieren klar, unter welchen Voraussetzungen Maßnahmen durchgeführt werden dürfen und wann eine notärztliche Unterstützung erforderlich ist.
So konnten in den vergangenen Jahren unter anderem moderne Konzepte der Schmerztherapie, Beatmungsstrategien oder erweiterte Maßnahmen des Gefäßzugangs sicher in die prähospitale Versorgung integriert werden. Die Erweiterung medizinischer Kompetenzen erfolgt dabei stets auf Basis wissenschaftlicher Evidenz und strukturierter Ausbildungsprogramme.
Qualität braucht Forschung und klare Prozesse
Die Weiterentwicklung der prähospitalen Versorgung endet nicht mit der Einführung neuer SOPs. Forschung und Qualitätssicherung sind wesentliche Bestandteile eines modernen Rettungsdienstes.
Mit einem eigens für wissenschaftliche Studien eingesetzten Forschungsfahrzeug untersucht die Berufsrettung Wien Fragestellungen direkt im Einsatzgeschehen, und Erkenntnisse aus der Forschung fließen unmittelbar in Ausbildung, SOPs und die Weiterentwicklung der Patient*innenversorgung ein.
Zusätzlich unterstützen erfahrene Field Supervisoren bei komplexen medizinischen oder organisatorischen Fragestellungen. Dieses System stärkt die Handlungssicherheit der Teams und trägt dazu bei, hohe Versorgungsqualität auch in anspruchsvollen Situationen sicherzustellen.
Eine Weiterentwicklung mit Augenmaß
Bei kritisch erkrankten oder schwer verletzten Patient*innen bleibt die notärztliche Versorgung noch unverzichtbar. Gerade deshalb ist es sinnvoll, Notärzt*innen dort einzusetzen, wo ihre Expertise den größten Unterschied macht, und Sanitäter*innen ebenfalls dort, wo deren Expertise und Ausbildung ein eine hochprofessionelle Diagnostik und Behandlung ermöglicht.
Braucht jede Thoraxschmerz-Alarmierung ein Notärzt*innen-Mittel? Muss Schmerztherapie immer ärztlich durchgeführt werden? Warum sollte eine EKG-Diagnostik in jedem Fall ärztlich erfolgen? Ist das Erlernen von Ultraschalldiagnostik untrennbar an ein Medizinstudium geknüpft? Diese Fragen hat die Berufsretttung Wien entweder bereits beantwortet oder ist gerade dabei. Und wer weiß, was die Zukunft bringt: SOPs, strukturierte Ausbildungskonzepte, gelebte Forschung und das klare Ziel Patient*innen zum richtigen Zeitpunkt genau jene Expertise zur Verfügung zu stellen, die ihre Situation erfordert, werden weitere Innovationen nach sich ziehen.
Denn moderne Rettungsmedizin definiert sich nicht über Berufsgruppen, sondern sie definiert sich über Qualität.