Österreichischer Expert*innenkonsens zur Resuscitative Thoracotomy veröffentlicht – Berufsrettung Wien maßgeblich beteiligt

 

Die Resuscitative Thoracotomy (RT) zählt zu den komplexesten – und zugleich kontroversesten – Maßnahmen der modernen Notfall- und Rettungsmedizin. Kaum ein Eingriff verdeutlicht so eindrucksvoll, wie schmal der Grat zwischen aussichtsloser Situation und potenziell lebensrettender Intervention sein kann. Mit der nun veröffentlichten österreichischen Konsensusarbeit liegt erstmals ein national abgestimmter Handlungsrahmen vor, der definiert, unter welchen Voraussetzungen diese Maßnahme in einem Land mit einer niedrigen Prävalenz penetrierender Verletzungen sicher und sinnvoll eingesetzt werden kann.

Die Empfehlungen wurden in der Wiener Klinischen Wochenschrift publiziert und in einem mehrstufigen Delphi-Verfahren entwickelt. Beteiligt waren 24 Expert*innen aus zehn medizinischen Fachgesellschaften sowie zwei österreichischen Rettungsorganisationen. Die Berufsrettung Wien brachte ihre langjährige Expertise in der prähospitalen Traumaversorgung und ihre Erfahrungen bei der strukturierten Implementierung der prähospitalen Resuscitative Thoracotomy in den Konsensusprozess ein und war bereits in der Steuerungsgruppe des Projekts vertreten.

Dass ein solcher Konsens gerade jetzt erscheint ist kein Zufall: Während die Resuscitative Thoracotomy in internationalen Traumazentren, insbesondere bei penetrierenden Thoraxverletzungen, seit Jahren etabliert ist, unterscheiden sich die Rahmenbedingungen in Österreich erheblich. Penetrierende Verletzungen sind hierzulande selten, gleichzeitig erfordert die Maßnahme höchste technische Expertise, klar definierte Indikationen und perfekt eingespielte Abläufe. Genau hier setzt der Expert*innenkonsens an: Er überträgt die vorhandene Evidenz auf die Realität eines europäischen Rettungs- und Gesundheitssystems mit geringer Fallzahl und schafft damit erstmals eine fundierte Grundlage für die Implementierung der RT in Österreich.

Der Konsens geht dabei weit über die Frage hinaus, wann eine Resuscitative Thoracotomy durchgeführt werden sollte. Die 28 verabschiedeten Empfehlungen befassen sich auch mit den notwendigen Systemvoraussetzungen, der prähospitalen Durchführung, der Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und Traumazentren, Qualitätsmanagement, sowie ethischen und rechtlichen Aspekten. Deutlich wird: Die Einführung einer RT ist kein einzelner Eingriff, sondern ein Gesamtkonzept, das nur in entsprechend vorbereiteten Systemen umgesetzt werden sollte. Dazu gehören unter anderem ein arztbesetzter Rettungsdienst, ein überregionales Traumazentrum mit thorax- beziehungsweise herzchirurgischer Expertise, und standardisierte Aus- und Fortbildungsstrukturen. Als bevorzugte operative Technik empfehlen die Autor*innen die Clamshell-Thorakotomie. Wieder zeigt sich – neue Techniken können nur erfolgreich angewandt werden, wenn ein systemischer Implementationsprozess davor- und dahinterliegt. Heroische Einzelaktionen oder Herangehensweisen mit der Devise "wir probieren das heute einmal" haben in der modernen Medizin keinen Platz mehr. 

Für die Berufsrettung Wien bestätigt die Publikation den eingeschlagenen Weg, innovative notfallmedizinische Verfahren nicht nur praktisch zu etablieren, sondern auch wissenschaftlich zu begleiten und gemeinsam mit nationalen Fachgesellschaften weiterzuentwickeln. Gerade bei High-Acuity-Low-Occurrence-(HALO)-Procedures wie der Resuscitative Thoracotomy entscheiden standardisierte Prozesse, regelmäßiges Training und eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit über den Erfolg. Die Einheit "Zentrale Oberarzt" (ZTR-OA) ist in Wien der katalysierende Faktor für HALO-Ereignisse und Interventionen.

Passend dazu hebt der Expert*innenkonsens die zentrale Bedeutung strukturierter Aus- und Fortbildung hervor. Neben theoretischen Inhalten empfehlen die Autor*innen insbesondere multidisziplinäre Simulationen und praktische Trainings, um sowohl technische Fertigkeiten als auch Teamarbeit unter realitätsnahen Bedingungen zu vermitteln. Diese Empfehlungen bilden gleichzeitig die Grundlage des Viennese Resuscitative Thoracotomy (VieRT) Course, der genau an diesen Anforderungen ausgerichtet wurde.

Mit der Publikation steht nun erstmals ein evidenzbasierter österreichischer Referenzrahmen für die Resuscitative Thoracotomy zur Verfügung. Die Empfehlungen leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Traumaversorgung in Österreich, sondern können auch anderen Gesundheitssystemen mit vergleichbaren Strukturen als Orientierung für die sichere Implementierung dieser hochspezialisierten Intervention dienen.

Originalpublikation
Dünser MW, Grassmann D, Hamp T, et al.
Resuscitative thoracotomy in traumatic cardiac arrest: Multisociety consensus recommendations for settings with a low prevalence of penetrating injuries.
Wiener Klinische Wochenschrift. 2026; 138 (Suppl 7)–S 640.
DOI: 10.1007/s00508-026-02771-3

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