Zeit für einen Systemwechsel: Warum die notfallmedizinische Ausbildung neu gedacht werden muss
Dieser Artikel basiert auf der aktuellen Episode #31 des RESPonse Notfallmedizin Podcasts der Berufsrettung Wien. In dieser Folge spricht OA Dr. Ben Thal mit Cpt. Hans Härting, Human-Factors- und CRM-Experte von Assekurisk, über „Competency Based Training“ (CBT) und darüber, warum modernes Training in Hochrisikosystemen neu gedacht werden muss.
Wenn wir über Ausbildung und Training in der Notfallmedizin sprechen, denken wir meist an Leitlinien, Algorithmen und technische Fertigkeiten. Wir investieren viel Zeit in Wissen, Prozeduren und Skills – und das völlig zu Recht. Gleichzeitig erleben wir im Alltag aber immer wieder Situationen, in denen genau das nicht ausreicht. Nicht, weil Menschen fachlich schlecht ausgebildet wären, sondern weil komplexe, dynamische Lagen mehr verlangen als korrekt abgearbeitete Handgriffe.
Genau hier setzt Competency-Based Training (CBT) an. In der aktuellen Podcast-Episode beschreibt Hans Härting diesen Ansatz als einen Paradigmenwechsel: Weg vom bloßen Nachweis vergangener Aufgaben, hin zur gezielten Entwicklung jener Kompetenzen, die Teams brauchen, um mit der Unsicherheit der Zukunft umzugehen. Ein Trainingsansatz, der nicht fragt, ob Aufgaben erledigt wurden, sondern ob Menschen und Teams über jene Kompetenzen verfügen, die sie brauchen, um auch mit unerwarteten, hochkomplexen Situationen sicher umzugehen.
Vom Abarbeiten zum Verstehen
Traditionelles Training orientiert sich häufig an Szenarien aus der Vergangenheit. Wir trainieren bekannte Probleme, bekannte Abläufe und bekannte Fehler. Das hat seinen Wert – stößt aber dort an Grenzen, wo Situationen neu, unübersichtlich oder schlicht anders sind als erwartet.
Competency Based Training verschiebt den Fokus. Weg vom reinen Abarbeiten einzelner Tasks, hin zu der Frage, wie Entscheidungen getroffen werden, wie Teams miteinander kommunizieren und wie Menschen unter Stress Prioritäten setzen. Es geht nicht um das Was, sondern um das Wie des Handelns.
Non-technical Skills: kein „Soft Skill“, sondern sicherheitsrelevant
Ein zentraler Gedanke dieser Episode ist die klare Aufwertung der sogenannten non-technical Skills. Kommunikation, Situationsbewusstsein, Entscheidungsfindung, Leadership und Teamarbeit sind keine netten Zusatzfähigkeiten, sondern zentrale Sicherheitsfaktoren.
Ein Großteil schwerer Zwischenfälle – sowohl in der Luftfahrt als auch in der Medizin – entsteht nicht durch fehlendes Fachwissen, sondern durch Defizite genau in diesen Bereichen. Wie Härting in der Episode betont: „Menschen scheitern selten daran, dass sie etwas nicht wissen – sondern daran, wie sie miteinander arbeiten.“ Competency-Based Training nimmt diese Kompetenzen ernst und behandelt sie gleichwertig zu fachlichen und prozeduralen Skills
Observable Behaviours: Leistung sichtbar machen
Ein weiterer Schlüsselbegriff ist der der Observable Behaviours – beobachtbarer Verhaltensweisen. Statt subjektiver Eindrücke oder Bauchgefühl arbeitet CBT mit klar definierten Kriterien: Welches Verhalten muss ich sehen, um sagen zu können, dass jemand in einer bestimmten Kompetenz gut performt?
Diese Systematik macht Leistung besprechbar. Härting bringt es im Gespräch auf den Punkt: „Was wir nicht beobachten können, können wir auch nicht trainieren.“ Sie ermöglicht objektives, nicht wertendes Feedback und schafft eine gemeinsame Sprache zwischen Instruktor*innen und Teilnehmenden. Training wird dadurch nachvollziehbar, fair und reproduzierbar.
Ein wiederkehrendes Thema ist die Rolle des Ultraschalls. Ultraschallgestützte Gefäßzugänge senken die Hürde zur Arterienanlage erheblich – sowohl radial als auch femoral. Entscheidend ist dabei weniger das Material als vielmehr Ausbildung, Routine und ein gemeinsames Team-Mindset.
Die zentrale Botschaft: Training schlägt Technik. Mit klaren Abbruchkriterien, realistischen Erwartungen und Einbindung des Teams wird aus einer vermeintlich komplexen Maßnahme ein kontrollierbares Werkzeug.
Debriefing neu gedacht: Menschen zum Denken bringen
Wirksames Lernen entsteht nicht durch Belehrung. Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die Folge. Competency-Based Training setzt auf Debriefings, die Reflexion auslösen. Ziel ist nicht Rechtfertigung, sondern Erkenntnis.
Instruktor*innen lernen, gezielt Fragen zu stellen, Stille auszuhalten und Denkprozesse anzustoßen. Nicht jede beobachtete Abweichung muss korrigiert werden – entscheidend ist, die zugrunde liegenden Kompetenzen zu verstehen, an denen Entwicklung möglich ist.
Haltung: entwickelbar, aber nicht erzwingbar
Ein besonders sensibler Punkt ist das Thema Haltung. Einstellungen und „Attitudes“ lassen sich nicht verordnen. Niemand ändert sein Verhalten nachhaltig, weil ihm gesagt wird, was er falsch macht.
Gutes Training kann jedoch Denkprozesse anstoßen. Es kann Menschen dazu bringen, ihr eigenes Handeln zu reflektieren und neue Perspektiven einzunehmen. Genau darin liegt die Stärke kompetenzbasierter Ansätze – vorausgesetzt, sie werden professionell moderiert.
Neue Anforderungen an Instruktor*innen
Competency-Based Training stellt hohe Anforderungen an Lehrende. Beobachten, differenzieren und kompetenzorientiert debriefen ist eine eigene Fähigkeit, die erlernt und trainiert werden muss. Nicht die fachlich besten Performer*innen sind automatisch die besten Instruktor*innen. Entscheidend sind pädagogische Kompetenz, Reflexionsfähigkeit und die Fähigkeit, Menschen non-judge mental durch Lernprozesse zu begleiten.
Warum das für die Notfallmedizin entscheidend ist
Gerade in der prähospitalen Notfallmedizin sind Einsätze unvorhersehbar, Teams wechseln, Situationen eskalieren schnell. Genau hier zeigt sich der Wert eines Trainingsansatzes, der nicht auf starre Abläufe setzt, sondern auf adaptive Kompetenz.
Competency-Based Training ist daher kein Luxus und kein akademisches Konzept. Es ist eine logische Konsequenz aus der Realität hochkomplexer, zeitkritischer Notfallversorgung.
Zeit für einen Systemwechsel
Wenn wir diese Episode zusammenfassen, bleibt eine klare Erkenntnis: Es geht nicht darum, die bestehende notfallmedizinische Ausbildung ein wenig zu optimieren oder an einzelnen Stellschrauben zu drehen. Es geht darum, sie grundsätzlich neu zu denken.
Die Realität der Notfallmedizin ist komplex, dynamisch und oft unvorhersehbar. Wer in diesem Umfeld sicher arbeiten soll, muss mehr können als Algorithmen abrufen und Prozeduren korrekt ausführen. Entscheidend ist, wie Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden, wie Teams kommunizieren, Prioritäten setzen und gemeinsam handeln, wenn es darauf ankommt.
Competency-Based Training steht genau für diesen notwendigen Systemwechsel. Weg vom reinen Nachweis abgearbeiteter Aufgaben, hin zur gezielten Entwicklung von Entscheidungsfähigkeit, Situationsbewusstsein, Kommunikation, Teamarbeit und professioneller Haltung. Nicht als Zusatz, sondern als gleichwertiger Kern der Ausbildung.
Das ist unbequem. Es stellt bestehende Ausbildungsmodelle, Rollenbilder und Bewertungssysteme infrage. Aber genau darin liegt seine Stärke.
Wenn wir Patient*innensicherheit ernst nehmen, dann dürfen wir Ausbildung nicht länger an der Vergangenheit ausrichten. Dann müssen wir Training konsequent auf das vorbereiten, was uns morgen erwartet.
Eure Perspektive ist gefragt: Wie erlebt ihr Ausbildung, Training und Simulation in eurem Arbeitsumfeld? Wo seht ihr Stärken, wo Entwicklungspotenzial, wo Widerstände?
Schreibt uns gerne an response.podcast@ma70.wien.gv.at
Ausgewählte Rückmeldungen greifen wir in einer der nächsten Episoden wieder auf.